Built

Real Estate
Die Stadt ist heute die Lebenswelt der Meisten. Mit dem Versprechen von Verdienst oder Sicherheit werden Menschen in ihren Senkrechten verdichtet. Gewuchert haben gerade die Mega-Metropolen mit heute zehn und mehr Millionen Einwohner immer schon; vor allem in die Breite. Die Grössenordnung ihrer in Stahl und Beton gegossenen Kerne und Satelliten sprengt die bisher bekannten Dimensionen. Realität für Milliarden Überformen sie das, was einmal Landschaft hieß oder zumindest langfristig gewachsene, mit lokalen Bedingungen harmonierende Baukultur war und eine menschliche Dimension reflektierte. Die Bauwerke der neuen Wachstumsstufe dieses Prozesses bieten dem Individuum Ausdruck als Bestandteil der Masse; Individualisierung und Ausdifferenzierung geschehen innerhalb der Grenzen eines modularen Vermarktungssystems. Diese Form der Vermassung ist gerade kein Elendsphänomen. Die ganz Armen bleiben hier ausgeschlossen; vereinzelt auf den Mittelstreifen der Verkehrsadern oder als Masse in den Slums an den urbanen Randbereichen. Vor allem die aufstrebenden Mittelschichten und die eher Wohlhabenden etablieren sich in den senkrecht dominierten Bezirken der Städte.
P.W. Voigt reist in Metropolen der Welt, um die Bilder der Logik dieser Entwicklung zu suchen. Dabei entstehen Dokumente einer verselbständigten Stadtlandschaft, innerhalb derer das Moltofill längst das Chlorophyll marginalisiert hat,sozusagen urbane Landschaftsfotografie. Sie zeigt Stadt als totalen Lebensraum, in dem Natur nur noch als Clichee ihrer selbst und angestammte lokale Bautradition, menschlich Überformt und angeeignet, allenfalls als normierte Erinnerung auftauchen. Selbst dort, wo die trutzigen Türme ganz am Rande des bebaubaren Festlands als Außenposten ihr Revier gegen das anbrausende Meer verteidigen und den freien Blick in die Weite eröffnen könnten, markieren sie als eintönige Höhepunkte bloß das Ende des Horizonts. Hinter der wabenhaften Struktur der Fassaden erstirbt all der eingebaute Luxus von Saunalandschaften, Bibliotheken und Sicherheitsinfrastruktur; gepriesen als ideales Ambiente für die individuelle Traumerfüllung; als bloß weiteres Verwertungsmodul mit Zielgruppe Gutsituierte. Diese Häuser haben sich gegen ihren ursprünglichen Sinn, Heim zu sein, verselbständigt. Sie wachsen in ihrem urbanen Umfeld genauso selbstvergessen, wie es Pflanzen tun; ganz der Eigengesetzlichkeit verpflichtet, eben dort, wo es ihr genetischer Code zulässt. Dass die abgebildeten Betonkomplexe dabei auch noch einen Nutzen mitbringen, ist fasst schon Zufall zu nennen.
Menschen scheinen auf diesen oft kontemplativen Ansichten so wenig interessant, wie sie auch in der Planung solcher Welten nur als vorausberechenbarer Faktor ihren Platz finden. Diese Landschaften entstehen nicht, um wirklich individuellen Bedürfnissen einen Raum zu geben. Diese Wirklichkeit begreift Menschen nur als Massenphänomen und folgt dabei ihren ganz eigenen Gesetzen � Statik und Funktionalität sind nur obligatorisch. Die treibende Kraft, die Lebensenergie, dieser urbanen Landschaften ist die Finanzlogik. Insofern zeigen P.W. Voigts Bilder � die sich von der klassischen Architekturfotografie kritisch absetzen � nicht die spektakulären Solitärbauten, aus deren Bekanntheit der Berufsstand seinen Nimbus schöpft. Seine Fotografien vertiefen sich in die erstarrte geometrische Ordnung, die die daran beteiligten Architekten nur noch als eine marginalisierte Gruppe von Handlangern für ein vom Konkreten beinahe restlos befreites Gewinnstreben erscheinen lässt. Diese Blocks wirken, als hätten die Urheber irgendwann in den ersten Planungen das Wort ‘Wohnraum’ einmal flüchtig hingeschrieben und schließlich bis zum Ende des multimillionen Projekts vergessen genauer auszuführen, was damit eigentlich gemeint war.
Drohend überwuchern die Bauten dieser neuen Wachstumsgeneration ihre Umgebung und signalisieren dabei den schillernden Mehrwert für das sie bewegende Kapital gegenober dem vorherigen Brachland oder der bisherigen Bebauung. P.W. Voigt erläuft sich seine Motive, setzt sich der städtischen Bewegung aus und sucht sein tektonisches Sediment. Mit der Großbildkamera ringt er seinen Motiven eine technische Perfektion ab, die ein Stück weit den zurichtenden Zwang der realen Bauten spiegelt. In detaillreicher und perspektivisch korrigierter Wiedergabe arbeitet Voigt selbst kleine Farbnuancen und Grau-Differenzen akribisch aus. Die harrschen Oberflächen zeigen sich ungebrochen; auch auf ihrem Abbild scheint das strenge Diktat der ökonomischen Effizienz, dem diese Fassaden bedingungslos folgen, durch. Und doch erscheint in P.W. Voigts Perspektiven so etwas wie Ruhe und die Möglichkeit zur Reflektion, die man sich als Möglichkeit innerhalb der dargestellten realen Räume nur schwer vorstellen kann.
P.W. Voigts Bilder verweigern den Einblick. Sie sind Draufsichten auf die lebensbestimmenden Wandformationen einer nachwachsenden massenhaften Mittelschicht. Der Fluchtpunkt des Blicks endet am Horizont der nächsten himmelaufragenden Fassade. Und wenn die Tristesse der behördlich vorgeschriebenen Muster von Lichteinlassluken einmal unterbrochen wird, gaukeln Reklametafeln den Blick in die Ferne vor � und zelebrieren damit noch einmal deutlicher die undurchdringliche Oberflächlichkeit und Beliebigkeit dieser Formationen gegen�ber ihrer eigentlichen Verpflichtung, Heim zu sein. � Im Extrem verkehrt sich dadurch das eigentliche Draußen vor der Tür ins eigentliche Innen; die Tristesse außerhalb der privaten Wohnzimmer, ins eigentliche Innen, aus dem kein Blick mehr herausfallen kann. Damit stirbt denn auch die Hoffnung, dass sich in den Wohnzimmern hinter den Fassaden der Horizont weiten könnte.
Gerade in seiner konkretesten � betonierten � Form ist der urbane Lebensraum Objekt eines abstrakten Finanzkreislaufes, der in seiner Dynamik jeden Kontakt zur Lebenswirklichkeit verloren hat. Der “reale Besitz” (von Englisch: real estate) ist dort nur noch lästiges Anhängsel, auf den sich zwar alles bezieht, der aber innerhalb des Prozesses der Kapitalzirkulation nur noch als Vorwand vorkommt. Wenn die Spekulations- und Finanzgeschäfte platzen, stehen diese Anhängsel zwar ganz konkret in der Gegend herum; vorläufig erschlossene Höhe, aufwändig abgetrotzt dem Luftraum, so gewagt wie die finanzielle Vision, die deren Entstehung antrieb, und doch nicht massiv genug, sich selbst zu erden und einem realen Zweck zu dienen. Der reale Besitz � Fluchtpunkt aller Beständigkeitsträume jedes Häuslebauers oder -besitzers � wird � obwohl so konkret sichtbar � genauso gegenstandslos, wie die Kredit- und Verpflichtungsverträge, die sie einstmals maßgeblich schufen. Insofern lösen sie sich auf P.W. Voigts Bildern in ephimere Gebilde auf, die, kontemplativ in sich ruhend, nur ihren eigenen Kompositionsbedingungen genügen.

Text: Volker Joksch, München 2009